Corazón
Kapitel 18
Seinas Konflikt
Verdammt, das Handy! Der Gedanke schoss wie ein Blitz durch Seinas Kopf. Ihre Augen weiteten sich panisch, und sie begann, nach Luft zu ringen. Bleib ruhig, atme tief ein und aus. Alles wird gut. Lass dir nichts anmerken. Sie versuchte, sich zu beruhigen, hoffend, dass es doch anders war, als sie befürchtete.
Said, ihr Bruder, lächelte sie bösartig an. Seine Augen waren kalt, berechnend, während seine Lippen ein falsches Lächeln formten. »Warum setzt du dich nicht, kleine Schwester? Wir haben dich sehnsüchtig erwartet, nachdem Anour dich weder im Gemüseladen noch an der Bahnhaltestelle gefunden hat. Alle hier haben sich Sorgen gemacht und dachten, dir sei etwas zugestoßen. Aber wie es aussieht, scheint es dir ja wunderbar zu gehen.« Während er sprach, strich seine Hand über ihren Arm. Plötzlich hielt er inne, packte sie grob. »Los, setz dich, habe ich gesagt.« Er zerrte an ihr und stieß sie Richtung Sofa. »Said, bitte«, hörte sie die besorgte Stimme ihrer Mutter, doch ein scharfer Blick von Said ließ sie augenblicklich verstummen.
Seina begann aus ihrer Erstarrung zu erwachen. Sie musste reagieren. Angewidert riss sie sich los. »Lass mich los, ich kann mich allein setzen. Dafür brauche ich deine Hilfe nicht.« Mit diesen Worten setzte sie sich neben ihre Tante auf das Sofa und starrte trotzig in Saids Richtung. Ihre Blicke trafen sich und verharrten, die Spannung wuchs unerträglich. Keine der beiden wollte nachgeben. Seina schaute ihn unnachgiebig an, während seine Wut immer intensiver zu brodeln schien. Dann ließ Said die Bombe platzen. »Wir wissen alles. Kleine Schwester, es ist unnötig, uns irgendwelche fadenscheinigen Ausreden zu erzählen. Von wegen, du wolltest Iman kontaktieren. Verarscht hast du uns, für dumm verkauft. Wer denkst du eigentlich, wer du bist?«
Seina hatte sich während ihrer kurzen Erstarrung alles Mögliche überlegt. Doch innerlich war sie zu aufgewühlt, um klar zu denken. Gleichzeitig fühlte sie sich erlöst. Sie würde bei der Wahrheit bleiben, nichts verleugnen. Es war schon zu spät. Angespannt richtete sie sich auf und ging einige Schritte auf ihren Bruder zu. »Jetzt wisst ihr alles. Und? Was ist daran verkehrt, wenn man auf sein Herz hört? Was bitteschön ist falsch daran? Gott hat uns nicht umsonst unser Herz geschenkt.« Ihre Mutter räusperte sich. »Seina.« Doch Seina warf ihr einen Blick zu, der sie sofort verstummen ließ. »Seid ihr denn glücklich mit eurem Leben? Hat einer von euch jemals auf sein Herz gehört? Ich glaube nicht.«
Es gab kein Halten mehr. Der ganze Frust, die ganze Unzufriedenheit, die sich ihr komplettes Leben über in ihr angesammelt hatte, brachen aus ihr hervor. Ein unbändiges Gefühl der Befreiung erfüllte ihren Körper und Geist. Als wäre die Zeitbombe endlich explodiert, mitten im Wohnzimmer im dritten Stock einer Kölner Wohnung. »Ihr, die ihr alle scheinheilig hier sitzt und euch selbst etwas vormacht mit eurer gespielten Frömmigkeit. Ihr seid diejenigen, die hier verarschen, nicht ich, die einfach ehrlich zu sich selbst ist und sich nichts vormacht.« Dabei lachte sie spöttisch und deutete anklagend mit dem Kinn in Richtung ihrer Familienangehörigen.
Sie wollte eben ansetzen, um mehr vorwurfsvolle Worte in den Raum zu werfen, als ihr Bruder sie grob am Arm packte und ihr den Mund zuhielt. »Halt dein Maul jetzt, du verdammtes Miststück,« schrie er sie an. Doch Seina hatte ungeahnte Kräfte entwickelt, mit einem heftigen Ruck stieß sie ihren Bruder von sich und trat ihm zwischen die Beine. Er griff sich sofort an seinen Schritt und sank stöhnend in die Knie. Seina keuchte auf und schüttelte den Kopf. »Fass mich nie wieder an! Hast du verstanden? Nie wieder! Du blödes Stück Scheiße«, schrie sie voller Abscheu.
Dann wandte sie sich ihrer Familie zu. Diese saßen mit offenen Mündern auf ihren Plätzen und starrten sie entsetzt an. »So, genauso, wird hier mit Frauen umgegangen. Schämt euch, so etwas durchgehen zu lassen.« Dabei wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und ihre Augen wanderten zum Wohnzimmertisch. Dort lag das Handy, das ihre Mutter ihr weggenommen hatte. Auf den ersten Blick ein gewöhnliches Mobiltelefon, doch jetzt, nach allem, was passiert war, wirkte es bedrohlich, fast wie eine Waffe. Seina fixierte es und wollte danach greifen, als es plötzlich zu vibrieren begann.
Marisa Familienentdeckung
Marisas Gedanken fuhren Achterbahn. Hastig schlüpfte sie hinter Alina in die Suite und bemühte sich, Ruhe zu finden. Konzentriere dich jetzt nur auf sie beide und denk nicht weiter darüber nach. Sie holte tief Luft und versuchte, das beklemmende Gefühl zu verdrängen, das schwer auf ihrer Brust lastete.
»Guten Abend, ma chérie«, sagte der Mann lachend. Er ergriff Alinas Hand, und sie vollführte eine elegante Drehung um die eigene Achse. Mit einem leisen Kichern nahm sie das Glas Champagner entgegen, das er ihr reichte, während sich ihre Blicke vielsagend trafen
Marisa war erschüttert und konnte ihre Gefühle kaum noch kontrollieren. Der Mann, der so offen mit Alina flirtete, war ihr Vater Alejandro. Von dem gesamten Szenario abgestoßen, wollte sie nur noch fort. Kaum war dieser Gedanke gefasst, begann ihre Wahrnehmung zu verschwimmen. Die Konturen der Umgebung verloren an Schärfe, Farben zerflossen, Stimmen entfernten sich zunehmend. Es fühlte sich an, als würde sie fortgerissen. Ein Kribbeln zog durch ihren Magen, und für einen Augenblick schien ihr der Atem zu stocken. Instinktiv schloss sie die Augen. Ein jäher Aufprall löste sie aus der Starre. Blinzelnd öffnete sie sie erneut.
Wo bin ich jetzt schon wieder gelandet? Erneut befand sie sich in der Natur, doch dieses Mal war es anders. Der Ort erschien ihr unbekannt. Seufzend hievte sie sich hoch. Mit einer raschen Handbewegung wischte sich Marisa den Staub von ihrer Kleidung und schaute sich neugierig um. Sie entdeckte eine Bank in der Nähe. Erleichtert lief sie darauf zu und nahm Platz.
Sie versuchte, ihre Gedanken klar zu ordnen, das Geschehene chronologisch zu sortieren. Zoe, ihre Halbschwester; Alina, die eiskalte Mutter, die sich nicht allzu viel aus ihrer Tochter machte; ihr Vater, der ein Verhältnis mit seiner Verflossenen eingegangen war. Wie hing nur alles zusammen und was wollten ihr die Visionen offenbaren? Zoe war etwas älter als sie selbst, wobei der Altersunterschied relativ gering sein musste – sie schätzte ein bis zwei Jahre. Das musste heißen, dass zum Zeitpunkt der Eingebung ihre Mutter bereits gestorben war. Was wiederum bedeutete, dass die Szene erst nach deren Tod stattgefunden hatte.
Erleichterung machte sich in ihr breit. Wenigstens hatte Alejandro ihre Mutter Sofia nicht mit Alina betrogen. Doch wer wusste das schon so genau? Irgendwo musste der Schlüssel für diese ganzen Visionen liegen. Marisa richtete sich auf und betrachtete die Lichtung. Das Klima schien mediterran, und erst jetzt bemerkte sie, wie heiß es war und dass ihr der Schweiß aus den Poren lief. Die junge Frau atmete tief ein und genoss für einen kurzen Augenblick die frische Waldluft. Auf ein Neues. Sie raffte ihre Schultern und machte sich entschlossen auf den Weg – mit der Gewissheit, den Schlüssel für die Lösung zu finden.
Oscuros Kampf
»Verdammt, lass los! Wer bist du überhaupt?« Oscuro und das Unbekannte lieferten sich einen verzweifelten Kampf um die Nachttischlampe, wobei Oscuro offensichtlich den Kürzeren zog. Sein Rivale schien unermessliche Kräfte zu besitzen und hielt sie fest in seinem Griff. Nachdem Oscuro sich einen erfolglosen Zweikampf geliefert hatte, gelang es ihm, wie durch ein Wunder, an der Schnur zu ziehen, die das Licht einschaltete. Schnell wollte er einen Blick auf sein Gegenüber werfen, doch dieser zog blitzschnell wieder an dem Faden. Oscuro vernahm ein Reißen. Sie musste abgetrennt worden sein. Er resignierte und ließ die Lampe los. Wütend starrte er in die Richtung, in der er seinen Widersacher vermutete. Aber das Einzige, was er sah, war die undurchdringliche Dunkelheit.
»Jetzt sag schon, was willst du?« Wieder keine Antwort. Er wurde immer unruhiger. Schlagartig fühlte er einen leichten Windhauch auf seiner Haut, kühl wehte es seinen Arm empor, bis zu seiner Schulter. Doch er konnte nach wie vor niemanden erkennen. Ungläubig berührte er seinen Arm. Wer zum Teufel spielte hier seine Spielchen mit ihm?
Dann passierte es. Zuerst war es ein zartes, kaum merkliches Prickeln auf seinen Lippen, dass sich schnell zu einem fordernden, eindringlichen Gefühl entwickelte, fast als würde er verschlungen. Der Druck auf seinen Mund wurde immer heftiger, und er konnte nicht anders, als diese zu öffnen. Kaum hatte er der Forderung nachgegeben, spürte er schon einen bitteren Geschmack in seinem Mund, als würde eine giftige, raue Zunge in seinen Leib dringen. Immer tiefer.
Sein Körper rebellierte. Er fühlte das Gift, das sich darin ausbreitete, doch Oscuro konnte sich nicht bewegen. Seine Atmung wurde schwerer, gleichzeitig setzte ein Würgereflex ein. Panik überkam ihn. Mein Gott, ich ersticke! Verzweifelt versuchte er, sich zu wehren, indem er mit seiner verbliebenen Kraft seinen Kopf wegdrückte. Doch es misslang. Die Tentakel seines Gegenübers waren überall. Sie bohrten sich durch alle seine Körperöffnungen und ergriffen Besitz von seinen Organen, dabei fraßen sie sich langsam in sein Herz.
Oscuro spürte, dass er keine Kontrolle mehr hatte. Ein letztes Mal versuchte er sich aufzubäumen, doch die Situation war ausweglos. Er schien verloren. Die Dunkelheit verschlang ihn, und mit ihr kam die unerbittliche Machtlosigkeit.
Muñoz` aufwühlende Entdeckung
Eilig bückte er sich, um nicht gesehen zu werden. Doch die Neugier überwog, und er versuchte, durch die Scheibe zu spähen. Langsam hob er seinen Kopf und schielte durch das Fensterglas. Ein Mann in einem eleganten Anzug stand an der Haustür und schien mit jemandem zu reden. Er hatte eine stattliche Figur und verdeckte somit sein Gegenüber. In der einen Hand hielt er einen Sommerhut, mit der anderen lehnte er lässig am Türrahmen.
Muñoz leckte sich die Lippen. Im Auto war es heiß, und er konnte es kaum erwarten, aus dem Wagen zu kommen. Doch das Gespräch schien sich hinzuziehen. Plötzlich machte der Mann Anstalten, wieder ins Haus zu gehen, die Person, mit der er geredet hatte, ihm voraus. Die Haustür stand offen. »Verdammt«, fluchte Muñoz leise.
Er überlegte, ob er sich anschleichen und verstecken oder lieber im Auto warten sollte. Während er abwog, was besser wäre, kam Bewegung in den Hauseingang. Schnell bückte er sich. Er konnte eine tiefe männliche Stimme hören und gleichzeitig ein helles Frauenlachen. Wieder versuchte er, durch sein Autofenster zu schielen. Dieses Mal hatte der Mann den Hut aufgesetzt und hielt etwas in der Hand, das wie eine Tragetüte aussah.
Plötzlich klingelte sein Handy. Er war hin- und hergerissen. Sollte er rangehen und sich dafür einen Moment umdrehen, um es zu holen, oder lieber die Haustür im Auge behalten? Da hörte es auf. Die Entscheidung war ihm abgenommen worden. Er schaute weiterhin zu dem Mann, der nach wie vor am Hauseingang stand, als sein Handy plötzlich erneut läutete. Der Kommissar überlegte genervt, was er tun sollte. »Mist«, fluchte er und griff nach dem Handy. Doch genau in dem Moment, als er abhob, legte der Anrufer auf.
Er warf einen schnellen Blick auf den Bildschirm. Anruf in Abwesenheit: Isabella stand in großen Buchstaben. Endlich hatte sie sich gemeldet. Mit einem Handgriff rief er zurück. Doch nach kurzem Klingeln erklärte ihm eine unverbindlich nette Tonbandstimme, dass der Teilnehmer vorübergehend nicht zu erreichen sei. Wütend schleuderte er sein Mobiltelefon auf den Sitz und wandte sich wieder um, um zu sehen, was vor der Haustür vorging. Zu seiner weiteren Verärgerung stand dort niemand mehr, und die Tür präsentierte sich in ihrer komplett verschlossenen Pracht.