Corazón
Kapitel 15
Vorsichtig betrat Dolores den Raum, nicht ahnend, was sie dort erwartete. Als sie begriff, wo sie sich gerade befand, überkam sie die Melancholie. Sie war wieder in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Alles schien noch genauso eingerichtet wie damals. Sogar die Poster ihrer Jugend hingen an der Wand. Dolores lächelte bei dem Gedanken an ihre Schwärmereien. Sie schaute sich noch weiter um und entdeckte ihr altes Tagebuch, das offenbar achtlos auf ihrem Bett zurückgelassen worden war. Sie setzte sich und strich behutsam mit ihren Fingern über den Einband, als plötzlich die Tür aufging. Erschrocken zog sie schnell ihre Hand weg und sprang eilig auf. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren und unzähligen Sommersprossen im Gesicht betrat den Raum. Dolores wollte sich entschuldigen für ihr unerlaubtes Eindringen. Als ihr bewusst wurde, dass das Mädchen sie überhaupt nicht wahrnahm.
Die Kleine summte vor sich hin, begab sich an den Schreibtisch und begann ein Bild zu malen. Dafür verwendete es vielerlei Buntstifte. Dolores sah genau hin und erkannte sie wieder. Ihr Vater hatte die Gewohnheit gehabt, solche Stifte für seine Skizzen zu verwenden. Er hatte überaus bösartig werden können, wenn jemand anders sie benutzte. Für ihn waren sie wie sein persönlicher Fingerabdruck, sein Heiligtum. Sie gehörten nur ihm allein.
Dolores konnte dem Mädchen ansehen, dass ihm sein Fehlverhalten durchaus bewusst war. Man konnte es an der Art und Weise ausmachen, wie die Kleine immer wieder verstohlen zur Tür schaute, als könnte sie jeden Augenblick ertappt werden. Oder wie sie bei jedem Geräusch kurz zusammenzuckte. Plötzlich sah sie auf und lief zum Fenster, um dann erschrocken zu ihrem Schreibtisch zurückzueilen, sammelte in Windeseile die Buntstifte zusammen und versteckte diese unter ihrem Pullover. Dolores verfolgte alles aufmerksam und eilte ihr hinterher, als diese die Tür öffnete und mit schnellen Schritten die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief. Aus der Distanz konnte Dolores sehen, wie das Mädchen versuchte, eine hakende Schublade zu öffnen. Da realisierte sie ein Knarren und die Haustür ging auf.
Verdammt, dachte Dolores, beeil dich! Zu gerne hätte sie der Kleinen geholfen, doch es war unmöglich. Schon hörte sie Schritte näherkommen, hektisch schaute sie hin und her. Da waren das junge Mädchen, das verzweifelt an der klemmenden Schublade rüttelte, diese aber nicht aufbekam, und die Schritte, die immer lauter wurden. Mit jedem, den sie hörte, fing ihr Herz an, aufgeregter zu pochen. Umso auswegloser erschien ihr die prekäre Situation des Mädchens. Unerwartet änderten die Schritte ihre Richtung. Verwundert schaute sich Dolores um, und nun ertönte ein dumpfes Ploppen, als würde jemand einen Korken entfernen. Dann wurde es still. Erleichtert stellte sie fest, dass es dem Mädchen endlich gelungen war, die Schublade zu öffnen. Die Schritte waren jetzt wieder nah, so nah, dass sie deutlich die Anwesenheit eines Menschen spüren konnte. Und kurze Zeit später sah sie auch, zu wem die Schritte gehörten.
Dolores überkam ein tiefer Schmerz in ihrem Herzen. Sie konnte es nicht fassen.
»Papito«, flüsterte sie, um sogleich laut »Papito« zu rufen. Aber er nahm sie nicht wahr, wollte schnurstracks an ihr vorbei. Doch als er direkt neben ihr stand, hielt er für einen Augenblick inne und schaute irritiert in ihre Richtung. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter.
»Was zum Teufel machst du hier unten? Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, dass du in meinem Atelier nichts zu suchen hast!«
Dolores bemerkte ein Lallen in seiner Stimme und als sie genauer hinsah, fiel ihr auf, dass er eine Flasche Wein in der Hand hielt.
»Warst du wieder an meinen Buntstiften? Ich habe dir doch gesagt, wenn ich dich noch mal dabei erwische, dann setzt’s was!«
»Ich …, ich …«, stammelte das Mädchen. »Ich wollte nur nachsehen, ob du schon zurück bist.« »Verschwinde«, brüllte er nun. »Hau ab, du verdammte Göre!« Die Kleine drehte sich um, um aus dem Atelier zu eilen. In diesem Moment passierte das Fatale. Ein Buntstift hatte sich unter ihrem Pullover verfangen und glitt wie ein Verräter auf den Boden. In gefühlter Zeitlupe realisierte Dolores das Geschehene. Entsetzt entfuhr ihr ein »Nein!« Die Reaktionsfähigkeit des Vaters war durch den Alkoholeinfluss beeinträchtigt. Doch als er begriff, was eben passiert war und was dies bedeutete, sah Dolores blanken Hass in seinen Augen aufblitzen.
»Du verdammtes Gör, du hast mich angelogen.« Das Mädchen stand mit offenem Mund und geweiteten, angsterfüllten Augen wie angewurzelt da und konnte sich nicht regen. Wutentbrannt warf der Vater mit aller Wucht die Flasche nach der Ertappten, verfehlte sie um Haaresbreite. Doch das laute Klirren hatte eine lösende Wirkung auf ihre Erstarrung, und mit hochrotem Kopf rannte sie davon. Nun war es Dolores, die sich nicht rührte. Mit angehaltenem Atem hatte sie die ganze Szene verfolgt und war zur Salzsäule erstarrt. Ihr Vater verharrte ebenfalls auf der Stelle. Man sah ihm an, wie der Zorn nach und nach aus seinem Gesicht wich und in pure Verzweiflung wechselte. Mit einem lauten Schluchzen brach er zusammen und fing bitterlich an zu weinen.
»Was habe ich nur getan?« Er sank noch tiefer in sich zusammen und heulte hemmungslos weiter, das Weinen eines absolut ratlosen und überforderten Mannes. Das berührte Dolores zutiefst. Tränen rannen nun auch ihr übers Gesicht. Sie lief zu ihm, bückte sich und streichelte zärtlich über sein Haar. Wie gerne hätte sie ihm gesagt, dass sie ihm verzieh. Sie setzte sich neben ihn auf den Boden und verharrte so eine Zeit lang. Ihre Unfähigkeit frustrierte sie zutiefst. Sie war nicht in der Lage, irgendetwas für ihn zu tun. Deshalb beschloss sie, nach dem Mädchen zu sehen. Dolores ging nach draußen. Konnte die Kleine aber nirgends finden. Daraufhin lief sie den Pfad hinunter zum See. Dort entdeckte sie das Mädchen, hinter einem Baumstamm kauernd.
»Ich hasse dich, ich hasse dich so sehr«, schluchzte es wütend und weinte sich dabei die Seele aus dem Leib. Dolores hätte es so gerne getröstet. Aber es war unmöglich, sie war nur unsichtbare Zuschauerin eines tragischen Zwischenspieles.
Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Dolores drehte sich um und erblickte ihren Vater, der ebenfalls den Pfad zum See hinunterlief. In seinen Händen hielt er jeweils ein Seil und eine volle Flasche Pisco. Misstrauisch blickte sie ihn an. Was hatte er vor? Entschlossenen Schrittes lief er in Richtung des Sees. Dolores verstand nicht, sie schaute wieder zu dem Mädchen. Es hatte ihn mittlerweile auch bemerkt und sich tiefer hinter dem Baumstamm versteckt. Beide beobachteten sein Vorgehen. Suchend blickte er sich um. Er blieb stehen, änderte die Richtung und blieb dann wieder abrupt stehen. Dann bückte er sich. Er schien etwas zu begutachten, schüttelte jedoch den Kopf und lief weiter. Wieder blieb er stehen und schaute auf den Boden. Was zum Teufel macht er da, dachte Dolores.
Und diesmal konnte sie erkennen, was er tat. Er hob einen großen Stein hoch und hievte diesen in Richtung des Sees. Es war ihm deutlich anzusehen, dass es ihn viel Kraft kostete. Der Schweiß rann ihm über die Stirn und er wischte sich immer wieder mit seinem Hemdsärmel übers Gesicht. Laut stöhnend schleppte er den Stein bis zum Ende des alten Steges. Er lud ihn dort ab, lief wieder zurück, um das Seil und die Flasche zu holen, und stellte sie ebenfalls dort ab. Dann wischte er sich noch einmal über die Stirn und nahm einen langen Schluck aus seiner Flasche. Dabei starrte er wie gebannt auf den See.
Dolores hatte sich mittlerweile auf den Boden gesetzt und beobachtete beunruhigt das ganze Szenario. Allmählich kam wieder Bewegung in seinen Körper und er holte das Seil. Umständlich band er ein Ende um den Stein und das andere um sein Fußgelenk. Nun begriffen auch Dolores und das Mädchen, was er vorhatte. Mit aufgerissenen Augen starrte die Kleine in seine Richtung. Sie wollte es verhindern, doch sie konnte es nicht. Das Mädchen wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und man erkannte an ihrem Blick und ihrer Gestik, dass sie einerseits mit sich rang, aber das Entsetzen auch vor ihr nicht haltgemacht hatte. Schlagartig stand sie auf und fing an zu schreien:
»Papa, nein! Das darfst du nicht, du darfst uns nicht einfach so verlassen.« Sie begann zu rennen, dabei wehten ihre langen blonden Haare im Wind, und ihre Schritte, die immer schneller wurden, glichen einem Akt der Verzweiflung. Sie musste ihn aufhalten. Doch es war zu spät. Schwer atmend hob er den Stein hoch und umfasste ihn mit beiden Armen. Er drehte sich ein letztes Mal um, dabei formte mit seinen Lippen die Worte »Verzeih mir« und sprang.
Dolores hatte das Gefühl, als würde sie eine Achterbahn rückwärtsfahren. Mit voller Wucht wurde sie aus dem Geschehen gerissen und zurückkatapultiert, so als würde sie ihre Vergangenheit diametral erleben. Sie war wieder Teenager, Kind, Baby. Es fühlte sich an, als würde der Sog, der sie zu Beginn eingesaugt hatte, wieder ausspucken. Ungläubig entfernte sie sich rasant von den Geschehnissen, die sie erlebt hatte. Flog durch die Zeit wie ein Tornado. Und als sie die Augen aufschlug, sah sie Medas Gesicht, die sie sanft am Arm streichelte und ihr verständnisvoll mit ihren warmen Augen zulächelte.
»Was ist passiert?«, krächzte Dolores heiser. Ihr Mund fühlte sich trocken und kratzig an. Ihre Stimmbänder schmerzten und ihr Kopf dröhnte. Sie wollte aufstehen, doch Meda drückte sie behutsam zurück.
»Mein Sonnenkind, ruhe dich aus«, sagte sie mit ihrer leisen Stimme. »Eine lange Reise hast du hinter dir. Du brauchst jetzt viel Ruhe. Hier, trink das, das wird dir guttun«, und reichte Dolores einen Holzbecher mit einem warmen Getränk. Dolores nahm ihn dankbar entgegen und trank ihn gierig in einem Schluck aus. Sofort spürte sie ein warmes, wohltuendes Gefühl in sich aufsteigen. Ihre Augenlider wurden immer schwerer. Nur einen Augenblick hinlegen, dachte sie. Und als sie sich auf das warme, weiche Fell zurücklegte, glitt sie sogleich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Es dämmerte schon, als Leo gut gelaunt mit zerzausten Haaren und zerknitterter Kleidung die Wohnung betrat. José saß im Wohnzimmer und schaute gerade ein Fußballspiel. Als er Leo erblickte, weiteten sich seine Augen.
»Alter, wo kommst du denn her? Bist du in ’nen Hurrikan geraten, oder was?« Leo schmunzelte und erwiderte:
»Ja, in ’nen Hurrikan namens Zoe.« Sein Mitbewohner nickte nur anerkennend und grinste schief.
»Alter, Alter. Ach, ehe ich es noch vergesse. Da hat heute schon paarmal so ’n Bulle für dich angerufen. Kommissar Muñoz. Alter, was hast du mit den Bullen am Hut?« Leo griff nach seinem Handy und stellte fest, dass sein Akku leer war. Er schloss es an den Strom, holte ein Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich neben José auf die Couch fallen. Dieser blickte ihn nur fragend an. Leo seufzte, öffnete mit einem lauten Zischen die Bierflasche und begann zu erzählen. José hatte sich aufrecht hingesetzt und hörte aufmerksam zu, man konnte ihm regelrecht ansehen, wie ihm die Kinnlade immer weiter runterfiel. Er strich sich mit einer Hand über seine Glatze und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Mordanschlag auf Marisa? Und was will der Kommissar jetzt noch von dir?«
»Wenn ich das wüsste, aber jetzt, wo du es erwähnst«, sagte Leo, holte sein Handy, das mittlerweile etwas Saft hatte, und wählte die Nummer des Kommissars, die er sicherheitshalber abgespeichert hatte.
»Muñoz«, meldete sich die Stimme am anderen Ende der Leitung.
»Guten Abend, Kommissar, hier Leo Casirelli am Apparat.«
»Ah, Señor Casirelli, schön, dass Sie zurückrufen. Ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie. Könnte ich vielleicht … würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich kurz bei Ihnen vorbeikomme? Nur für ein paar Fragen, ich werde Sie nicht allzu lange mit meiner Anwesenheit belästigen.« Leo hob verwundert die Augenbrauen und schaute irritiert zu José.
»Sie meinen jetzt?«
»Ja, ich bleibe wirklich nicht lange, es müsste doch gleich Halbzeit sein. Ich verspreche, ich verschwinde, bevor das Spiel wieder weitergeht.«
»Woher wissen Sie …?«, stotterte Leo.
»Ach, Sie meinen, woher ich weiß, dass Sie das Spiel schauen?« Der Kommissar lachte. »Nun ja, ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für unverschämt, aber ich war gerade in der Gegend, und als ich gesehen habe, dass Sie anrufen, habe ich mich sofort auf den Weg gemacht. Wenn Sie sich umdrehen, dann sehen Sie mich an Ihrem Fenster stehen.« Mit offenem Mund drehte sich Leo um und blickte zum Wohnzimmerfenster. Und tatsächlich war dort das Gesicht des Kommissars zu entdecken, der ihm freundlich zuwinkte.
Leo kam die ganze Situation absurd vor. Was wollte dieser neugierige Bulle von ihm? Und warum spionierte er ihm hinterher? Als er die Haustür öffnete, stand dieser auch schon parat und wollte hereinkommen.
»Warten Sie«, sagte Leo im genervten Ton. »Brauchen Sie keinen Durchsuchungsbefehl?« So kannte er es zumindest aus amerikanischen Spielfilmen. Der Kommissar lächelte süffisant und antwortete:
»Nicht, wenn es lediglich darum geht, ein paar Fragen zu beantworten. Aber wir können uns auch gerne in meinem Wagen unterhalten, wenn Ihnen das lieber ist. Sehen Sie, ich parke dort drüben.« Er deutete dabei auf einen alten Renault R4. Leo betrachtete den Kommissar, das passte einfach hervorragend, die alte Schrottkiste und der Bulle in seinem abgewetzten zerknitterten Jackett. Verdienten die so wenig bei der Polizei? Muñoz blickte ihn erwartungsvoll an.
Leo seufzte. »Na gut, kommen Sie rein, aber ich habe nicht ewig Zeit.«